5. Dezember 2008

Schlaflied für eine Motte

Für FhP

* * *
Beschere mich mit Schlaf und nicht mit Worten,
Decke das Bett nicht nur für dich allein.
Wieso bin ich des Glückes einsame Geliebte
Und deine Worte bleiben trotzdem sanft.

Sie bleiben leise auf der Haut liegen,
Die du in deiner Einsamkeit berührst.
Was ist die Seele? Deine Seele?
Ein Abdruck meiner Sehnsucht und Wärme?
Uns trennt nur Meer, wie nah du bist...

Doch schwimmen kann ich gar nicht gegen Strömung.
Du bleibst an deinem Ufer und ich hier.
Wir spüren Einsamkeit der Herzen beieinander,
Empfinden Schmerz und stehen ängstlich still.



* * *
Dir schreibe wieder ich Gedichte.
Wie sonst kann Herz mein zu dem deinen flieg'n.
Die Worte, meine - deine, sind verflochten.
Und stoßen Anderen zum Flieh'n.



* * *
Ich habe Angst, vor dir, vor deiner Nähe.
Du auch dieselbige vor mir.
Ich habe Angst, dir nicht mehr zu entkommen,
Wenn Silben deinen ausgeliefert bin.



* * *
So regungslos und unbeweglich
Wache ich auf und spüre dich.
Dein großer Schmerz, er liegt auf mir
Und dringt zu meinen Ohren.
Auch wenn du ihn gar nicht aussprichst.

Dein leises Schluchzen auf der Schulter,
Wenn du mich festzuhalten suchst.
Mit deinem Stoß aus Gierde großer Qualen
Gehöre dir, gehöre fraglos uns.



* * *
Ich möchte eine Motte sein und eine Fliege,
Die sich an deinen Augen verbrennt,
Die atemlos in Armen deinen Ruhe findet.
Den letzten Halt, bis du vergehst.

Verzeih mir meine stillen Qualen,
Die ich dir nicht zu öffnen mag.
Dein Nicht-Adieu ist stärker,
Als leb wohl morgens zu flüstern.
Ich stürze wieder, werde schwach.



* * *
Von deiner Schwäche bis zu meiner
Die Brücke wurde aufgebaut.
Sie ist, sie hängt und bleibt bestehen,
Auch wenn du Schritt zu mir nicht wagst.

Auch wenn ich Schritt zu dir nicht wage,
So bist du drin, du bist in mir.
Wir beide bitten Herzen um Vergebung,
Dass sie an uns zerschmettert sind.

03.12.2008 (Nacht)
[Bild: Aus dem Film von Claude Lelouch "Un homme et une femme " ("Ein Mann und eine Frau", 1966, Frankreich; Anouk Aimée, Jean-Louis Trintignant)]

3. Dezember 2008

Adele "Make You Feel My Love"

"I'd go hungry, I'd go black and blue
I'd go crawling down the avenue
There's nothing that I wouldn't do
To make you feel my love"
Lyrik


[Bob Dylan - Cover]

Joseph Brodsky

Vor vielen Monaten sah und hörte ich mir dieses Video auf Russisch an. Dies hatte eine überwältigende Wirkung damals auf mich. Der russisch-jüdische Dichter und Essayist Joseph Brodsky sprach über bereits alternde Anna Achmatova, die er als junger Mann kennen lernen durfte, und über ihre Wirkung auf ihn. Er erzählte darüber, dass sie sich selbst in ihm wohl erkannt hatte... Ich fühlte mich danach sprachlos und dachte über Meines nach... Auch führte er aus, dass nicht die Sprache das Werkzeug der Dichter sei, sondern die Letzten das Werkzeug der ewigen Sprache sein würden. Auf einmal fühlte ich die Richtigkeit seiner Worte.
Bild: Valentina Polukhina "Thirteen Ways of Looking at Joseph Brodsky"


Joseph Brodsky (1940, Leningrad - 1996, New York)

Wie gern würd ich in dieser schwarzen Stunde
mit einer Straßenbahn zum Stadtrand fahren
und in dein Haus eintreten,
wenn dann in Hunderten von Jahren
Ausgräber unser Viertel offenlegen,
möchte ich gern, dass sie mich wiederfinden
als Teil von dir für immer, fest umarmt
verschüttet von der neuen Asche.
(1962)


Ein Raubtier der Poesie
Joseph Brodskys Gedichte zeigen: Den Ruhm verdankt er dem Werk, nicht seiner Bilderbuchbiografie
" (…) Brodsky gehört der ersten Generation an, die aus der tiefen sowjetischen kulturellen Lethargie der fünfziger Jahre erwachte und aufstand. Bekannt ist, dass, bevor Anna Achmatova den jungen Wilden den Sesam in die russische Moderne öffnete, Brodsky und seine Freunde kaum eine Vorstellung davon hatten, was hinter dieser Tür verborgen und aufbewahrt war. Wissbegier und die Fähigkeit, aus allem zu lernen, halfen Brodsky, der nach der siebten Klasse die sowjetische Schule mit schlechten Noten verlassen musste, sich in kürzester Zeit tragfähige Brücken zu den so eröffneten Welten zu bauen. Mit ungeheurer Intensität gewann er den Baustoff für diese Brücken, wo er nur konnte. So stieß er (wie er sagte: »wie alle«) auf den Namen John Donne im Motto zu Hemingways damals modischem Wem die Stunde schlägt. Verblüfft begab er sich auf die Suche nach Spuren des Urhebers (was bei weitem nicht »alle« taten), bis er dessen Predigten und Gedichte fand, las, übersetzte und zum Stoff für eigene Dichtung machte.(...)" weiter lesen

Der Misanthrop
Hundert Gedichte – Joseph Brodsky bleibt in seinem Zimmer
"(...) Poesie sollte das Leben nicht erklären, Poesie war für Brodsky das Leben selbst. Diese Auffassung durchzieht Brodskys gesamtes lyrisches Werk und steht prominent im Titel eines Gedichtbandes aus dem Jahr 1977: «Redeteil». Brodsky verneint die künstlerische Autonomie des Dichters und dreht die Abhängigkeitsverhältnisse um. Es ist die Sprache, die sich des Dichters als eines Instruments bedient, um ihre eigenen Aussagemöglichkeiten zu erproben: «Vom Ganzen des Menschen bleibt – als Teil – / bloss Sprache übrig. Er als Sprachanteil. Als Redeteil.» (...)"weiter lesen

"Altra ego" nannte Brodsky seine Abhandlung zum Thema "Liebesgedicht", denn er vertritt darin die Auffassung, der Dichter besinge ein Mädchen nur deshalb, weil er in ihrem Antlitz sich selbst erkenne. Das Liebesgedicht sei deshalb eher ein Porträt der eigenen Seele, eine Selbsterkundung: Es ist, schreibt Joseph Brodsky, "schlicht und einfach, eine Seele in Bewegung. Ist es gut, kann es auch die Ihre in Bewegung versetzen." (...)

Auch findet er, Publikum und Biografen sollten endlich die Finger von der vielstrapazierten "Muse" lassen - die mitnichten identisch mit der oder den konkreten Geliebten eines Dichters, sondern vielmehr die ehrfurchtgebietende ewige Stimme der Sprache selbst sei. Vielleicht war Joseph Brodsky einer der letzten Dichter, die sich als Seher, als Auserwählte verstanden, von der Muse exklusiv zum Diktat gerufen.(...)" weiter lesen



ICH HÖRE NICHT DAS was du mir sagst nur deine Stimme. 
Ich sehe nicht dein Kleid nur blanken Schnee ringsum.
Das ist der Nordpol wo wir sitzen, ist nicht das Zimmer;
unsere Spuren führen von ihm her - und nicht zum.

Einst kannte ich auswendig alle Farben des Spektrums.
Jetzt erkenn ich zur Bestürzung des Arztes einzig Weiß.
Doch selbst wenn das Liedchen verklingt ganz zuletzt nun
bleibt von ihm ein Motiv, zumindest eins.

Ich wär froh mich neben dich zu legen, doch das ist Luxus.
Leg ich mich hin, dann Gesicht zum Rasen, einerlei.
Und die Alte im Hüttchen auf Hühnerbeinen wird schluchzen
und kocht sich was Weiches, ein Ei.

Früher wenns Flecken gab streute ich Laugensalz.
Das half immer, auch Talkum auf Pickel wirkte zuletzt.
Jetzt wogt um dich der Abschaum und grölt lauthals.
Du trägst lichte Kleider. Und ich Schmerz.

1989(?)
(Aus dem Russischen von Ralph Dutli)

  1. Buch: Brief in die Oase: Hundert Gedichte von Joseph Brodsky (amazon)
  2. Buch: Joseph Brodsky "Liebesgedichte und andere Zuneigungen"
  3. Weitere Texte und Informationen beim Autor und Übersetzer Ralph Dutli
  4. Poetry of Yoseph Brodsky

Gebet

"Give everyone even a little…
And don’t be forgetful of me."

Bulat Okudzhava (1924, Moskau - 1997, Paris) war ein berühmter oppositioneller russischer Dichter und Liedermacher. Mit seinen Liedern sind viele in der ehemaligen Sowjetunion aufgewachsen. Erst als ich selbst erwachsener wurde, wurde mir die Tiefe seiner Worte bewusst...

"
Okudschawa schrieb unpathetische, an den Volksliedton angelehnte Gedichte, die er zur Gitarre vortrug. In ihnen prangerte er die Sinnlosigkeit des Krieges an und pries die individuelle Freiheit, die Liebe sowie das Moskauer Viertel am alten Arbat. Okudschawa wurde durch seine anspielungsreiche Sprache und den Mut, im Westen zu veröffentlichen, zu einer Kultfigur der intellektuellen Opposition. Ironie, Satire und Melancholie verbindend, verstand er es als Verfasser historischer Romane wie »Bednyj Avrosimov« (1969; dt.»Der arme Awrosimow«) und »Svidanie s Bonapartom« (1985; dt. »Begegnung mit Bonaparte«), die Sowjetideologie zu unterlaufen."
Quelle

Bulat Okudzhava "THE PRAYER OF FRANÇOIS VILLON"


[Übersetzung auf Englisch]

THE PRAYER OF FRANÇOIS VILLON (1963)

While Earth is still turning around,
While light is still warming and bright,
I pray you, my Lord, give just everyone,
What everyone hasn’t on his side:

A head – give him who’s always clever,
A horse – give a coward – to flee,
Give money him, who’s now happy…
And don’t be forgetful of me.

While Earth is still turning around,
-- My Lord, it’s for you to decide! –
Let him, who is craving for power,
Enjoy it until his is glut.

Give breather a man, open-handed,
At least, his day’s evening to see.
Let Cain have his utter repentance…
And don’t be forgetful of me.

I know that you are almighty,
Believe to that wisdom of yours,
As solders believe – those killed ones –
That they live the Eden indoors,

As always believes every ear
Your quiet admonishes to,
As all we believe to our actions,
Not knowing ev’n what we do.

Oh, God! Oh, my Master, almighty!
Oh, You of the evergreen eyes!
While Earth is still turning around –
That’s strange and to her and to us, –

While she has enough of the fire
And time for us farther to be,
Give everyone even a little…
And don’t be forgetful of me.

1) BücherWiki: Bulat Okudschawa
2) Biographie auf wikipedia lesen

"Du mein liebes Stück Heimat"

Liebesbriefe aus dem Exil... Ich bin sehr neugierig auf dieses Buch und glaube, auch dasjenige Stück Heimat gefunden zu haben, als ich an jemanden Besonderen schrieb. Denjenigen Teil, den ich in seinem Herzen wiederfand. Die verlorene Heimat einer wurzellosen Poetin wurde somit wiedererweckt... In seiner Seele...

Granach, Alexander
"Du mein liebes Stück Heimat"
Briefe an Lotte Lieven aus dem Exil.
Mit e. Vorw. v. Mario Adorf u. e. Nachw. v. Reinhard Müller
Hrsg. v. Angelika Wittlich u. Hilde Recher
[erwerben auf buecher.de]

„Der Schauspieler Alexander Granach schrieb mit seinem autobiographischen Roman »Da geht ein Mensch« einen weltberühmten Klassiker. Voller Menschlichkeit, Weisheit und Humor schildert er dort seinen Weg als jüdischer Bäckerjunge aus einem kleinen galizischen Dorf an die großen Bühnen Berlins. 1933, als Granachs triumphale Theater- und Filmkarriere mit der Machtergreifung jäh endete, emigrierte er. Zunächst nach Polen, dann in die Sowjetunion, wo er Stalins Säuberungen nur durch Intervention Feuchtwangers entkam, dann in die USA. Von allen Stationen des Exils schrieb er an Lotte Lieven, die Schweizer Schauspielerin und Lebensgefährtin. Klug, vital, politisch hellsichtig und genau erzählen diese 300 Briefe von Entwurzelung, vom Kampf um Arbeit und von seinen Begegnungen mit anderen berühmten Emigranten.“ Quelle
FAZ: „(…) An Lotte Lieven sind 279 Briefe erhalten, es sind wohl alle, die Granach in den Zeiten des Exils an sein "geliebtes Lottchen" schrieb. Bis vor kurzem lagen sie in der Berliner Akademie der Künste, wohin sie nach dem Tod der Empfängerin gelangt waren. Herausgegeben von Hilde Recher und Angelika Wittlich, ist nun in einer sorgfältig edierten Ausgabe nachzulesen, wie der "Alltag" eines Emigranten aussah. Außer einem Fragebogen ist kein Wort von Lotte an Alexander erhalten. Welche Bedeutung sie in Granachs Leben gehabt hatte, wussten bis vor kurzem nur ein paar Eingeweihte. Nun kann man sich ein Bild davon verschaffen. Doch wer war Lotte Lieven, diese "Schwyzer Maid", die der "Neger", als welcher Granach seine Briefe an sie stets unterzeichnete, immer wieder beschwörend als sein "liebes Stück Heimat" bezeichnete?
(…)
Obwohl sie, anders als gelegentlich behauptet, nicht verheiratet waren, legte Alexander Granach laut Julius Hay "Wert darauf, dass man die Schweizerin überall als seine legitime Frau erkannte. Er verkündete das in nüchternem Zustand und brüllte es in alle Winde, wenn er besoffen war." Während der Dauer von Lottes Besuchen hatten sich die Frauen, die sich um Granach offenbar wie Motten ums Licht scharten, fernzuhalten. Dazu kam es in der Zeitspanne des vorliegenden Briefwechsels allerdings nur zweimal: Ein erstes Wiedersehen gab es zwischen Anfang Juni und Ende Oktober 1936 in Moskau, wohin Granach sich im Mai 1935 für zunächst unbestimmte Zeit begeben hatte, ein zweites Wiedersehen fand in den ersten Monaten des Jahres 1938 in Zürich statt, wo Granach als Macbeth im Schauspielhaus auftrat, nachdem er Russland hatte verlassen können.(...)“ weiter lesen

27. November 2008

Für eine Passantin

Charles Baudelaire (1821-1867)
À une passante - Für eine Passantin

[Übersetzt von Eric Boerner]

Mir fiel ein Schluchzen in der dumpfen Straße auf.
Groß, schlank, in tiefer Trauer, in erhabnem Schmerz
Geht ein Weib vorbei. Ihr feines Händchen fährt
Zum geknöpften Rock, der Saum hebt sich hinauf;

Zeigt edel und gelenkig, ein Statuettenbein.
Aus ihren Augen saug' ich, wie ein kranker Wurm,
Den fahlen Himmel und den Keim des Sturms,
Infektiöse Süße und Lust, die tötet, ein.

Ein Blitzstrahl … in der Nacht! – Du fliehnde Schöne,
Ich habe mein Geschick in deinem Blick erkannt.
Ob wir uns vor dem Jenseits wiedersehn?

Woanders, weit von hier! viel später! nur dich sehn!
Weiß nicht, wohin du fliehst, ich bin dir unbekannt.
O du, die ich geliebt! O du, die mich verstand!



So bete ich dich an

So bete ich dich an, wie nächtiger Wölbung Neigen,
Urne der Traurigkeit, o grosses, dunkles Schweigen,
Und liebe, Schöne, dich gleich heiss, ob du mich fliehst,
Ob du, Zierat der Nacht, durch meine Träume ziehst,
Um lächelnd und voll Spott endlose Kluft zu breiten,
Die meine Arme trennt von blauen Ewigkeiten.
Zum Angriff stürme ich, berenne, dringe vor
Wie an dem Leichnam klimmt der Würmer Schar empor,
Liebkos dich, grausam Tier. – Du höhnst mein Liebesmühen,
Doch deine Kälte lässt nur heisser mich erglühen.

Charles Baudelaire - Biographie, Lyrik

2. November 2008

Kleiner Film-Höhepunkt

Vor einiger Zeit tauchte ich in eine faszinierende poetische und natürlich melancholische Ode auf die Suche nach dem Glück und Liebe mit Daniel Auteuil und Vanessa Paradis ein. Schwarzweiß. Jetzt ist es mein Lieblingsfilm. Er hieß "La fille sur le pont" (dt. Titel: „Die Frau auf der Brücke“). "Du siehst aus wie ein Mädchen, das gerade einen Fehler machen will“, - hört plötzlich aus dem Dunkeln junge Adele, die Glück weder im Leben noch mit den Männern je hatte und sich von der Brücke stürzen will. Ein Messerwerfer rettet ihr das Leben und bietet ihr an, in seiner Nummer aufzutreten, da sie doch sowieso nichts zu verlieren hätte. Es wird bald klar, dass sein Glück ohne sie nicht funktionieren kann. Nur mit ihr. Aber bis er das begreift...

Musik in dem Filmausschnitt: Marianne Faithfull "Who will take my dreams away?"

„Eine märchenhafte Liebe in CinemaScope: 1999 drehte der französische Regisseur Patrice Leconte in wunderschönen Schwarzweißbildern ein originelles Liebesdrama über einen ausgebrannten Messerwerfer und ein lebensmüdes Mädchen. Daniel Auteuil wurde für diese poetische Spekulation über die Natur des Glücks mit einem César ausgezeichnet.(…)“ weiter lesen

28. Oktober 2008

Unmoralische Fragen

Was ist besser? Unglücklich und dadurch von der Muse geküsset zu sein, damit sich die Gedichte von alleine schreiben lassen, um die Lesenden um Verstand zu bringen, oder Glück bis zu eigener Wahnsinnsgrenze ausleben zu können und damit die Lyrikgabe womöglich für immer zu verlieren? Was ist sinnerfüllter? Die Dichtung ins Leben zu verwandeln, indem man den Geliebten mit dem heimlichen Seufzer weckt, anstatt das Leben in die Dichtung mit der öffentlichen Preisgabe der Intimität umzuwandeln? Was ist attraktiver? Eine Unnahbare zu spielen oder auf der Suche nach der Inspiration die Betten mit den Anderen auszuturnen, bis man gefühllos wird? Was ist begehrenswerter? Als Engel oder als Hure benannt zu werden? Was nun, wenn man als Beides in Frage kommen würde? Wer ist eine Hure? Diejenige, die nicht ihren Körper, sondern ihre Seele prostituierend öffnen lässt? Ich bin keine. Und Engel will ich auch nicht sein. Wer bin ich überhaupt? Ein Hauch wovon?

Bin ich diese Musik?
Marketa Irglova singt im Film "Once" (Spiegel-Artikel über den Film)
"If you want me satisfy me..." (Liedtext)




Bin ich diese Lyrik von Louise Glück?
Aus dem Gedicht
"Oktober"

(...)
2.
Sommer um Sommer ist vergangen,
Balsam nach der Gewalt:
es tut mir nicht gut,
jetzt gut zu mir zu sein;
die Gewalt hat mich verändert.
Tagesanbruch. Die flachen Hügel glänzen
ocker und feurig, selbst die Felder glänzen.
Ich weiß, was ich sehe; eine Sonne, vielleicht
die Augustsonne, die alles zurückgibt,
was genommen wurde –
Du hörst diese Stimme? Es ist die Stimme meines Geistes;
meinen Körper kannst du jetzt nicht berühren.
Er hat sich einmal verändert, er ist ausgehärtet,
bitte ihn nicht, von neuem zu antworten.
Ein Tag, einem Sommertag gleich.
Ungewöhnlich still. Die langen Schatten der Ahornbäume
fast malvenfarben auf den Wegen aus Kies.
Und am Abend Wärme. Nacht, einer Sommernacht gleich.
Es tut mir nicht gut; die Gewalt hat mich verändert.
Mein Körper ist kalt geworden wie die entblößten Felder;
jetzt ist da nur mein Geist, vorsichtig und wachsam,
mit dem Gefühl, auf eine Probe gestellt zu sein.
Noch einmal geht die Sonne auf, wie sie aufging im Sommer;
großzügige Gabe, Balsam nach der Gewalt.
Balsam, nachdem die Blätter verfärbt sind, die Felder
geerntet und gepflügt.
Sag mir, dies ist die Zukunft,
ich werde dir nicht glauben.
Sag mir, ich lebe,
ich werde dir nicht glauben.

Bin ich die Protagonistin dieses Films?
Als Ana im Film von Julio Medem "Die Liebenden vom Polarkreis", der mich innerlich mitgenommen hat? Muss ich auch zum Polarkreis reisen?

"(...)At the same time—and this is the brilliance of Medem’s filmmaking—it is a stunningly romantic film that overwhelms the viewer, leaving a feeling of near exhaustion by the end… and it is well worth the struggle! As Ana and Otto’s relationship is an intimacy of mind, soul, and body, so does the viewer’s mind, soul, and body interact with this film.(...)"
weiter lesen
Ausschnitte aus dem Film zur Musik von Craig Armstrong "This Love":




Wer bin ich, wer? Woran kann man glauben? Wem kann man glauben?

25. Oktober 2008

The Wild Iris

"...poems are autobiography... and comment, the metronomic alternation of anecdote and response." (Louise Glück)




Weitere Video/Audio-Beiträge:
- Poet Vision: Louise Glück Reads Her Poetry (January 29, 1988)
- The Evening Star (Rezitation ihres Gedichtes)


Averno Gedichte

Im Buch lesen: Glück, Louise - Averno (Gedichte auf Englisch und Deutsch)
"Averno ist der Name eines vulkanischen Kratersees in der Nähe von Neapel. Für die alten Römer war hier der Eingang zur Unterwelt. Die Mythologie, die Natur, der Mensch zwischen Liebe, Leben und Tod – das sind die Themen der mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten amerikanischen Dichterin Louise Glück. Ihre Gedichte erscheinen zum ersten Mal auf deutsch, übersetzt von der Lyrikerin und Schriftstellerin Ulrike Draesner, in einer zweisprachigen Ausgabe.
Prisma
20.
Eine Nacht im Sommer. Geräusche eines Sommersturms.
Die großen Platten verschieben und unsichtbar verwandeln sich –
Und in dem dunklen Zimmer die Liebenden, schlafen einander im Arm.
Wir sind, jeder von uns, der eine, der als erster erwacht,
als erster sich bewegt und da im ersten Morgenrot
den Fremden sieht.

Louise Glück zählt mit ihren inzwischen zehn Gedichtbänden zu den bedeutendsten amerikanischen Lyrikerinnen. Sie gehört zu jenen Poeten, die wie Vergil die Unterwelt erforschen, um die Essenz des Menschen zu finden. Averno, der Eingang zur Unterwelt, ist zugleich die Verbindung zwischen den Welten, ermöglicht einen Austausch, aber keine Versöhnung. Ob in kollektiven oder individuellen Mythen, Louise Glück spürt unsere ältesten, tiefsten und unergründlichsten Ängste auf: Einsamkeit, Vergessen, Liebesverlust, Nicht-Sein.
Sich ihnen zu stellen, bedeutet Klarheit, was wichtiger sein kann als Trost: »Stimmt, es gibt nicht genug Schönheit in der Welt./Und stimmt, ich bin nicht berufen, sie wieder herzustellen./Auch Offenheit gibt es nicht, hier kann ich vielleicht von Nutzen sein.« Quelle


Natur als Spiegel der Seele

"In der Lyrik von Louise Glück ist die Grenze zwischen Mensch und Natur durchlässig geworden; die Natur wird zum Ausdruck der menschlichen Stimmungen und Bedürfnisse. So kann die Autorin im Gedicht „Omens“ ohne historische Distanz auf Alexander Puschkin zurückgreifen: „To such endless impressions / we poets give ourselves absolutely, / making, in silence, omen of mere event, / until the world reflects the deepest needs of the soul.“ In diesem Bestreben, Bilder in der Natur zu finden, die ihre individuellen Empfindungen widerspiegeln, verknüpft Louise Glück Gedanken- mit Stimmungslyrik, Intellekt mit Gefühl und ergänzt durch Averno die poetische Tradition, wo nicht um ein neuartiges, so doch um ein vielschichtiges Meisterwerk."weiter lesen

Poem
In the early evening, as now, a man is bending
over his writing table.
Slowly he lifts his head; a woman
appears, carrying roses.
Her face floats to the surface of the mirror,
marked with the green spokes of rose stems.
It is a form
of suffering: then always the transparent page
raised to the window until its veins emerge
as words finally filled with ink.
And I am meant to understand
what binds them together
or to the gray house held firmly in place by dusk
because I must enter their lives:
it is spring, the pear tree
filming with weak, white blossoms.
From House on the Marshland
(Ecco Press, 1975)



A man and a woman lie on a white bed.
It is morning. I think
Soon they will waken.
On the bedside table is a vase
of lilies; sunlight
pools in their throats.
I watch him turn to her
as though to speak her name
but silently, deep in her mouth--
At the window ledge,
once, twice,
a bird calls.
And then she stirs; her body
fills with his breath.
I open my eyes; you are watching me.
Almost over this room
the sun is gliding.
Look at your face, you say,
holding your own close to me
to make a mirror.
How calm you are. And the burning wheel
passes gently over us.
From Descending Figure
(Ecco Press, 1980)



First Memory
Long ago, I was wounded. I lived
to revenge myself
against my father, not
for what he was—
for what I was: from the beginning of time,
in childhood, I thought
that pain meant
I was not loved.
It meant I loved.
From Ararat
(Ecco Press, 1990)


The Wild Iris
At the end of my suffering
there was a door.
Hear me out: that which you call death
I remember.
Overhead, noises, branches of the pine shifting.
Then nothing.  The weak sun
flickered over the dry surface.
It is terrible to survive
as consciousness
buried in the dark earth.
Then it was over: that which you fear, being
a soul and unable
to speak, ending abruptly, the stiff earth
bending a little.  And what I took to be
birds darting in low shrubs.
You who do not remember
passage from the other world
I tell you I could speak again: whatever
returns from oblivion returns
to find a voice:
from the center of my life came
a great fountain, deep blue
shadows on azure sea water. 
From Wild Iris (Ecco Press, 1990)
Wilde Iris Gedichte
Ausgezeichnet mit dem Pulitzerpreis
Im Buch lesen: Glück, Louise - Wilde Iris (Gedichte auf Englisch und Deutsch)
"Was ist die "Wilde Iris" doch für ein erstaunliches Buch, geschrieben in der Sprache der Blumen. Es ist ein Liederzyklus mit all den entsprechenden Trauerklängen, setzt ganz auf die poetische Kraft und bewahrt doch das Bild des alten Troubadours – mit Frühling, den biblischen Lilien auf dem Felde, dem ewigen Kreislauf der Natur." The New Republic
Mehr Gedichte von Louise Glück sind hier und hier zu finden.
Mehr Informationen über sie sind
hier.

Zur Untreue

Interessante "Welt online" - Beiträge aus dem Bereich der Sexualforschung. An allem sind also nur Schimpansen Schuld. Es ist wirklich bedauerlich, aber auch lobenswert, da man dadurch den Stammbaum mancher Artgenossen bis auf die Ururururgroßväter genauestens benennen kann.

Warum die meisten Menschen zur Untreue neigen
Von Heike Stüvel (24. Oktober 2008)

"Die Klischees sind bekannt: Während die Frauen in der Regel treu sind, sehnen sich die Männer – vom Trieb gesteuert – nach vielen Partnerinnen. Doch die Wirklichkeit ist viel komplizierter: Der Mensch ist unabhängig vom Geschlecht von Natur promisk, behaupten Biologen und Sexualforscher. (...)
Den Rat zu Enthaltsamkeit oder Treue können aber die meisten Menschen nicht befolgen. Da sind Gene und Hormone einfach zu übermächtig. Mit unseren Vettern, den lebhaft promisken Schimpansen, haben wir 98,4 Prozent aller Erbinformationen gemeinsam. Wie sollten wir, mit lediglich 1,6 Prozent Eigenkapital, ein völlig anderes, ein kreuzbraves Sexualleben führen?
(...)
Die „Big Five“ nennt Schmitt die entscheidenden Faktoren, die den Hang zur Promiskuität bestimmen: Ein minimales Quantum an Pflichtgefühl, große Extrovertiertheit sowie ein geringer Hang zur Verträglichkeit, wie Kompromissbereitschaft und Hilfsbereitschaft. Zudem fanden die Forscher, dass Neugier und Offenheit gegenüber neuen Erfahrungen und Neurotizismus eine wichtige Rolle spielen.(...)" weiter lesen


Männer und Frauen wildern im Freundeskreis
Von Irene Habich
(30. Mai 2008)

"Europäer wildern gerne – und zwar in fremden Beziehungen. Den internationalen Vergleich stellt eine Studie der Bradley University mit knapp 17.000 Teilnehmern aus 53 Ländern an. Der Versuch, „jemanden romantisch für sich zu gewinnen, der bereits in einer Beziehung steckt“ – umgangssprachlich schlicht jemanden auszuspannen –, lässt sich überall auf der Welt beobachten: mal behutsam, mal dreist. Dazu gehören besondere Persönlichkeitsmuster, sagen die Forscher: sowohl beim Wilderer – der es immer wieder versuchen wird – als auch beim Begehrten, der sich bereitwillig aus festen Schnüren lösen lässt.(...)

Bei einem Ausspannversuch empfiehlt David Schmitt, nicht über das Ziel hinauszuschießen. Groß angelegte Offensiven in diesem Bereich sind nicht nur in den meisten Gesellschaften verpönt, sondern sie erregen auch den Zorn des Partners und fordern Gegenwehr heraus. Der Studien-Statistik zufolge besteht die beste Taktik darin, den aktuellen Partner subtil schlechtzumachen und sich langsam und vorsichtig im sozialen Umfeld des Objekts der Begierde einzuschleichen.(...)

Aber wie beständig sind diese Beziehungen, die durch Einmischung entstanden sind? Die Prognose kann schlecht ausfallen – und zwar dann, wenn der Drang zum Ausspannen fest in einer der Persönlichkeiten manifestiert ist. Dann hat ein Dritter leichtes Spiel." weiter lesen

21. Oktober 2008

Sturm in mir

Vladimir Horowitz spielt Scriabin und Schumann bei dem TV-Konzert in Carnegie Hall 1968. Pt.6/7 Scriabin Etude in D#m Op.8-12 & Schumann Traumerei Op.15-7



Emil Gilels spielt Rachmaninow Op. 3 No. 2 in C#minor.



Orgie


"Ich suche allerlanden eine Stadt" heißt das vom 22. bis zum 26. Oktober 2008 in Wuppertal stattfindende XIV. Else Lasker-Schüler-Forum. Weitere Informationen darüber sind hier zu finden.
Else Lasker-Schüler (1869-1945) Biographie
Weltflucht

Ich will in das Grenzenlose
Zu mir zurück,
Schon blüht die Herbstzeitlose
Meiner Seele,
Vielleicht ists schon zu spät zurück.
O, ich sterbe unter euch!
Da ihr mich erstickt mit euch.
Fäden möchte ich um mich ziehen
Wirrwarr endend!
Beirrend,
Euch verwirrend,
Zu entfliehn
Meinwärts.



Ich liebe dich

Ich liebe dich
Und finde dich
Wenn auch der Tag ganz dunkel wird.
Mein Lebelang
Und immer noch
Bin suchend ich umhergeirrt.
Ich liebe dich!
Ich liebe dich!
Ich liebe dich!
Es öffnen deine Lippen sich...
Die Welt ist taub,
Die Welt ist blind
Und auch die Wolke
Und das Laub -
- Nur wir, der goldene Staub
Aus dem wir zwei bereitet: - Sind!



Heimlich zur Nacht
Ich habe dich gewählt
Unter allen Sternen.

Und bin wach - eine lauschende Blume
Im summenden Laub.

Unsere Lippen wollen Honig bereiten,
Unsere schimmernden Nächte sind aufgeblüht.

An dem seligen Glanz deines Leibes
Zündet mein Herz seine Himmel an -

Alle meine Träume hängen an deinem Golde,
Ich habe dich gewählt unter allen Sternen.
Der Abend küsste geheimnisvoll
Die knospenden Oleander.
Wir spielten und bauten Tempel Apoll
Und taumelten sehnsuchtsübervoll
Ineinander.
Und der Nachthimmel goss seinen schwarzen Duft
In die schwellenden Wellen der brütenden Luft,
Und Jahrhunderte sanken
Und reckten sich
Und reihten sich wieder golden empor
Zu sternenverschmiedeten Ranken.
Wir spielten mit dem glücklichsten Glück,
Mit den Früchten des Paradiesmai,
Und im wilden Gold Deines wirren Haars
Sang meine tiefe Sehnsucht
Geschrei,
Wie ein schwarzer Urwaldvogel.
Und junge Himmel fielen herab,
Unersehnbare, wildsüsse Düfte;
Wir rissen uns die Hüllen ab
Und schrieen!
Berauscht vom Most der Lüfte.
Ich knüpfte mich an Dein Leben an,
Bis dass es ganz in ihm zerrann,
Und immer wieder Gestalt nahm
Und immer wieder zerrann.
Und unsere Liebe jauchzte Gesang,
Zwei wilde Symphonieen!

Einige weitere Lyrik- und Prosastücke von Else Lasker-Schüler kann man hier nachlesen.
[Bild von Ann]

Wenn das Leben zu laut wird...

Ofrin

Musik genießen... (Anhören)

Am 24. Oktober erscheint ihr neues Album "On Shore Remain".



OFRIN TOUR
präsentiert von KulturNews
29.10.08 D-Berlin // Arena Glashaus: RECORD RELEASE PARTY
04.12.08 D-Berlin // Quasimodo
05.12.08 D-Dresden // Musik Club Tante Ju

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10.12.08 D-München // Ampère
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17.12.08 D-Hamburg // Stage Club
18.12.08 D-Göttingen // Nörgelbuff

"Seltsam bezaubernd, was Ofrin da in die Welt schicken. Das israelische Duo aus Sängerin Ofri Brin und Oded K.dar macht Musik, die sich zart der Genrezuordnung entzieht. Weder Jazz noch Pop trifft es, Jazzpop schon gar nicht - wenn man ihn sich als Popsongs mit jazziger Intonation und Instrumentierung vorstellt. Ofrins Songs sind schlicht elektroakustische Kleinode, Brins schöne Stimme schwebt über kargen Arrangements, die konzentriert sind auf wenige Töne, wenige Beats. Jedes Tschirpen, jedes Rauschen bekommt Raum und Rahmen. Für wirkliche Zuhörer ist die CD eine Belohnung, sie eignet sich aber genau so gut als meditative Begleitung für ein Leben, das zu oft zu laut ist. (kab)"Quelle


"(...) Ein weiterer bekennender Fan und Supporter, nämlich Peter Urban, hat die Faszination von OFRIN einmal so beschrieben: „International wie ihre Herkunft ist auch der Sound von OFRIN: eine groovende coole und gleichzeitig intensive Mixtur aus Pop, Jazz, Ambient, Soul, Downbeat und ethnisch gefärbten Tönen aus der israelischen Seele von Sängerin Ofri Brin und Gitarrist/Keyboarder Oded K.dar. Beide offenbaren sich auch als hochtalentierte Songschreiber mit der Gabe, attraktive Melodien zu kreieren, ihre Kompositionen sind phantasievoll, spielerisch und sprühend vor Ideen. Und der mit einer wunderbaren gesegneten Sängerin Ofri gelingt es, ihre Songs in einem perfekten Zusammenspiel von Virtuosität und Emotion zu interpretieren. Auf das in London produzierte zweite Album von OFRIN kann man zu recht höchst gespannt sein, denn in ihrem Stilbereich ist die Band in Deutschland fast konkurrenzlos.“

Für ihr neues Album hat Ofrin schwere Geschütze aufgefahren: der Londoner Produzent Eddie Stevens (Moloko, Roisin Murphy) hat die Tracks ihres Longplayers „On Shore Remain“ produziert. Dieses wird im Oktober die Musikwelt mit viel Energie und der wunderschönen soul-jazzigen Stimme Ofri’s erobern.
Auch live ist die Band eine Augenweide: Zentrum der rote Lockenkopf Ofri’s, der gerauft und wieder fallen gelassen wird, während der Klang der Instrumente die Zuschauer einhüllt und sie wissen lässt: hier ist was Kostbares und Einzigartiges zu sehen!
Zusammen gefasst könnte man die Band so beschreiben:
Junge, bildschöne Israelin macht Musik, trifft ihre perfekte musikalische Ergänzung, findet nach Zwischenstopps in New York und England ihre Wahlheimat Berlin und wird von Londoner Erfolgsproduzent entdeckt…Karriere, Happy End? Nein, zu Ende ist es noch lange nicht! Im Oktober 2008 fängt alles erst wieder an.(...)"Quelle

Leseempfehlungen

- Albert Londres, „Jude wohin?“ Ein Reisebericht aus den Ghettos der Welt (Phaidon-Verlag, Wien, 1931)

"...1929 reist Frankreichs bekanntester Reporter, Albert Londres, der selbst kein Jude war, über London und Prag in die Karpaten und weiter via Czernowitz, Lemberg und Warschau nach Palästina, um seinen Landsleuten die Lage der Juden zu schildern. Seine Reportage „Le juif errant est arrivé“ ist, literarisch wie historisch, ein außerordentliches Dokument: Die letzte Momentaufnahme der osteuropäischen Judenheit vor dem Massenmord...."Quelle

- Ilex Beller, "Schtetl in 80 Bildern"

„Die Erinnerung an jene, die man ermordete, muß zum Schutz zukünftiger Generationen dienen..." Quelle

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11. Oktober 2008

Perfume

Etwas Anderes... Electrotango von Bajofondo. Von denjenigen, die, wie auch Gotan Project aus dem Schatten von Astor Piazzolla austreten möchten.

Bajofondo "Perfume"



"Bajo fondo ist eine Wortspielerei und lässt mehrere Interpretationen zu: In Buenos Aires werden unter diesem Begriff die villas miserias verstanden. In diesem Sinne heißt bajo fondo unteres Ende (der sozialen Skala). Eine weitere Übersetzung des Wortes wäre Bass-Hintergrund. Gleichzeitig ist es auch eine Anspielung auf den Untergrund und weckt Assoziationen zu versteckten Plätzen und verruchten Orten, ganz dem Mythos des Tango entsprechend."Quelle

Über Bajofondo

10. Oktober 2008

Mon bien-aimé

Gestern war dein Tag... Es erinnerte sich von alleine, auch an diese Zeilen dachte ich, die ich dir einmal zitierte. Alles gerät in Vergessenheit, neue Sterne gilt es zu erkiesen. Nur die stummen, fremden Leser nehmen an kleinen und großen Herzensbrüchen, Sehnsucht und Freude der hier über ihre Seele schreibenden Autorin teil.

"Mon bien-aimé est très loin, mais je pense à lui tous les jours, tout le jour. Je penserai à lui jusqu'à ce que je le retrouve. Alors je n'aurai plus à penser. Il me prendra dans ses bras, nos lèvres se toucheront, nous serons heureux comme nous avons été heureux, et devantage encore parce que nous nous aimerons encore davantage. It est très loin, mais personne n'est plus près de moi puisqu'il habite mon coeur.
Il s'appelle Nelson Algren." (Brief von Simone de Beauvoir an Nelson Algren, 17. Juni 1947)


Übersetzung:

"Mein Geliebter ist fern. Aber ich denke jeden Tag an ihn, den ganzen Tag lang. Ich werde an ihn denken, bis ich wieder bei ihm bin. Dann brauche ich nicht mehr zu denken. Er wird mich in die Arme nehmen, unsre Lippen werden sich berühren, wir werden glücklich sein, wie wir glücklich gewesen sind, und noch mehr, weil wir uns noch mehr lieben werden. Er ist sehr weit weg, aber niemand ist näher bei mir, denn er wohnt in meinem Herzen. Er heißt Nelson Algren.
"

[Aus: Simone de Beauvoir "Eine transatlantische Liebe. Briefe an Nelson Algren 1947-1964"]

3. Oktober 2008

Petite mort oder Another world opens

Petite Mort (Choreographie: Jiri Kylian, Nederlands Dans Theater; Musik: Wolfgang Amadeus Mozart) (In zwei Teilen)





Vor einiger Zeit entdeckte ich die  postsurrealistische fake Tate Galerie. Der Spaziergang durch die Tiefen der menschlichen Triebe und ihrer künstlerischen Umsetzung beginnt hier. Das Bild "Another world opens" aus der Galerie "Intimate moments" ist schön.

Bereits Ende letzten Jahres hat mich die wörtliche Erotik und Begierde Gioconda Bellis fasziniert. Der sehr gelungenen Lesung einiger der Gedichte dieser begnadeten nicaraguanischen Dichterin auf Spanisch und anschließend gefühlvoll vorgetragen von Viola Gabor auf Deutsch kann man hier lauschen: Hörimpressionen. (Das Gedicht von Betty Paoli "Ich", der auch dabei ist, ist auch gut vorgelesen)
Aus "Orgasmus in Kunst und Literatur":

"Die erotischen Gedichte der zeitgenössischen lateinamerikanischen Schriftstellerin Gioconda Belli kleiden sich in wollüstige üppige Bilder, die reichhaltige und treffsichere Assoziationen wecken. Klang und Schriftbild der Originalsprache (nicaraguanisches Spanisch) ist Teil der Wirkung ihrer Verse, aber auch in übersetzter Form lässt sich Vieles der Wirkung transportieren:
Auszug aus dem Gedicht Liebe in zwei Tempi:
Kastagnette Schelle Jubel
meines Rosenhimmels aus Frauenfleisch
mein Mann du einziger Talisman
Zauber meiner wüstenhaften Blätter
komm noch einmal ruf mich drück mich
an deinen Hafen der heiseren Wellen
Erfüll mich mit deiner weißen Zärtlichkeit
erstille meine Schreie
lass mich aufgelöst Frau sein.

Die Vergleiche Orgasmus und Tod wie auch Liebesakt und Kampf sind wiederkehrende Themen in Kunst und Literatur, in unserer Zeit sind diese Parallelen sogar Gegenstand neurologischer Forschungen. In ihrem Gedicht „Gestern Nacht“ bedient sich Gioconda Belli ebenfalls dieser Bilder: 
Gestern Nacht erst
warst Du wie ein nackter Kämpfer
der über dunkle Felsen sprang.
Ich auf meinem Beobachtungsposten
in der Ebene
sah dich eine Waffe schwingen
und heftig in mich dringen.
ich öffnete die Augen
und noch immer warst du ein Schmied
der den Funkenamboss schlug
bis mein Geschlecht explodierte wie eine Granate
und wir beide starben im Mondsplitterhagel

(Gedichte zitiert aus Gioconda Belli: Zauber gegen die Kälte)"
Quelle

Frivol

* * *
Du hieltest meine Schriften für frivol und offen.
Sie waren reifer, als mein Alter es erlaubt.
Gleichzeitig fandest du die reifen Frauen ansprechend.
Verloren hast du dich und mich, mein lieber Narr.



Heimlich
Wir werden uns nun heimlich treffen
Zum Tango auf dem weißen Bettparkett.
Wozu nahm ich mir meine schönste Bluse,
Wenn sie der dunklen Nacht zum Opfer fällt.
Die Hände deine suchen gierig,
Wie sie den Hals von mir umfassen eng.
Damit kein Anderer es wagt, mich zu berühren,
Drohst du dafür mit Strafe streng.
Die Lippen deine hungern nach der Wärme,
Die von dem Körper meinem dir entflieht.
Nach meiner Schüchternheit und Mutes Blässe.
Erträumst du sie? Dann komm und nimm.



* * *
Du ließest mich nackt fliehen.
Nur dein schwarzes T-Shirt
Deckte mich zu der Hälfte zu
Und halb gar nicht.
Ich lief durch Park und war am Zittern.
Mich trafen fremde, wilde Männer.
Sie schufen
deine Nähe grob in mir.
Du sahest gerne zu, wie sie mich nahmen...
In ihre Arme, wärmten mich.
Erst als sie von mir ließen, kamst du.
Du schrittest ein, bedecktest mich.



* * *
Er wird die Anderen verführen
Und Treue schwören ganz treulos.
Auch "Liebste, komm in meine Arme" ruf'n.
Das wird er alles, ist sein Los.
Was habe ich getan?
Ich liebte ohne Fragen.
Wenn er das über sich begreift,
Bin längst nicht dort.
Bis er Verlust versteht,
Werden Gefühle leblos.
Ich sterbe langsam,
Er lebt glücklich weiter.
Die Wunde klafft,
Still Herz mein pocht.
27. August 2008

[Bild von Ann]