15. Januar 2008

Vielleicht

Der winterliche Wind hob ihre Haare in den Stößen hoch und verdeckte ihre Augen. Sie war zu leicht angezogen. Der Rock ihres Kleides flatterte und drohte, ihre Beine den gaffenden Blicken der Umgebenden bloß zu stellen. Sie frierte und wartete.

Worauf? Diese Frage stellte sie sich jeden Morgen, wenn sie sich unausgeschlafen aus dem Bett zwang, und es betraf ihr ganzes Leben.

Um dem unzufriedenen Zustand ein Ende zu setzen, stellte sie sich vor den Spiegel, betrachtete sich und sagte sich mit einer leisen, aber entschlossenen Stimme: Genug!

Darauf holte sie aus dem Schrank ihr knappes schwarzes Kleid, zog ihre fast durchsichtigen Strümpfe an, machte die Reißverschlüsse ihrer Stiefel zu. Ihr Mantel verdeckte das Kleid, man hätte denken können, dass nichts ausser von diesem dicken Stoff sie umhüllen würde. Eine leichte Parfümwolke verblieb im Korridor, nachdem die Wohnungstür hinter ihr zugeschlagen hatte.
Die ganze Zugfahrt lang behielt sie ihren Mantel an, obwohl es nicht mehr kalt war, als ob sie Angst hatte, dass es ihr Geheimnis preisgeben würde. Ihre dunklen Augen waren aufgeregt, ihr Atem auch. Was, wenn das alles nur ein Scherz war, - drehte sich die Frage in ihrem Kopf.
Sie wartete in der Schlange vor dem hell beleuchteten Haus auf ihren Eintritt und kämpfte mit der Kälte und dem Wind. Sie trat ein, die Wärme kam ihr entgegen. Endlich zog sie ihren Mantel in der Garderobe aus, holte tief Luft ein, und folgte den Pfeilen zu dem Raum. Ruhig betrachtete sie die Bilder auf den Wänden, bis sie zum Gauguin kam, und blieb vor ihm stehen. Es war sieben Uhr abends, in fünfzehn Minuten würde alles vorbei sein, das Warten der Monate. In diesem Zustand wurde sie von einer älteren Frau angesprochen, die ihr Programmheft zum Boden fallen ließ und es nicht selbst hochheben konnte. Das hat sie wieder beruhigt, sie sogar zu lächeln anfing und fast vergaß, wieso sie da war. Das Licht fiel weich auf ihre Schultern und sie stand entspannt vor dem Gemälde.
Eine leichte Berührung fremder, noch von draußen kalter Finger auf ihrer linken Schulter ließ sie die Augen schließen.

"Schwarz steht dir tatsächlich gut",- hauchte eine etwas heiser klingende, fremde, jedoch aus den Träumen vertraute Stimme ihr ein, - "Bist du aufgeregt?"
"Ja...",- folgte von ihr nach einer kleinen Pause.
Sie drehte sich um. Er war da, ganz nah.
"Hab keine Angst,... Liebste..."

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